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Alebrijes aus Arrazola – Wo Träume Wirklichkeit werden

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Hast du schon von den farbenfrohen, aus Holz geschnitzten Fantasietieren aus Mexiko gehört? Die sogenannten Alebrijes werden Dank Filmen wie Disney-Pixars “Coco” immer beliebter. Sogar chinesische Plagiate sind bereits auf dem Markt.

Alebrijes kommen aus Oaxaca und können als eine Art urbane Adaption indigener Kunst angesehen werden. Jede dieser fantasievollen Holzfiguren ist ein Unikat, von Hand geschnitzt und bemalt. Zudem besitzt jeder Künstler seinen eigenen Stil. Es lohnt sich also, verschiedene Werkstätten in Oaxaca zu besuchen und nach deinem ganz persönlichen “spirit animal” Ausschau zu halten.

Wie sind Alebrijes entstanden?

Der Ursprung der bunten Fabelwesen geht zurück bis 1936, als Pedro Linares in Mexico City begann, dekorative Figuren aus Pappmaché herzustellen, die er “Alebrijes” nannte. Es war ein Traum, der ihn dazu inspirierte, seine Figuren in schrillen Farben zu bemalen, ihnen riesige Augen und Zähne zu geben und sie mit Flügeln, Hörnern und Schwänzen auszustatten. Man erzählt sich, dass Pedro an einer Krankheit litt, die ihn stark halluzinieren ließ.
Viele Jahre später entdeckte ein mexikanischer Galerist Pedros Kunstwerke und machte sie über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt.

Pappmaché Alebrijes auf dem Alebrijes Festival in Mexico City
Pappmaché Alebrije im Stil von Pedro Linares beim jährlich stattfindenden Alebrijes Festival in Mexico City.

Heute verbindet man mit Alebrijes vor allem die farbenfrohen, verspielten Holzfiguren aus Oaxaca. Es war Manuel Jimenez aus Arrazola, der völlig unabhängig von Pedro Linares, um 1950 mit seinen Alebrijes aus Holz Aufmerksamkeit erregte, die auch als Alebrijes oaxaqueños bekannt sind. Manuel Jimenez’ Alebrijes waren unter anderem inspiriert durch das Konzept des Nahuals, eine Art Schutzgeist, der tierische Formen annehmen kann und so eng mit dem Menschen verbunden ist, dass mit seinem Tod auch sein Nahual stirbt. Man sagt, dass sich Manuel sogar selbst als Nahual bezeichnete, der sein Erscheinungsbild von Mensch zu Tier wechseln kann.

Wie Manuel Jimenez vom armen Schafhirten zum international anerkannten Künstler aufstieg.

Die bezaubernde Geschichte von Manuel Jimenez, dem Begründer der Alebrijes oaxaqueños, die uns sein Sohn im Museum “Casa de Manuel Jimenez” in Arrazola erzählte, möchte ich dir nicht vorenthalten:
Sie erzählt von einem bitterer armen Jungen, der schon mit 12 aus der Not heraus in den Bergen Schafe hütete und als Stalljunge arbeitete. In dem kleinen Örtchen Arrazola, ganz in der Nähe von Monte Albán, der einstigen Hauptstadt der Zapoteken, gab es damals keine Schule. Alles musste sich Manuel selbst beibringen, selbst das Lesen. Seine Familie war so arm, dass er nicht zu Hause bleiben konnte. So zog er tagein tagaus durchs Land, immer auf der Suche nach Arbeit. Er arbeitete als Barbier, als Korbflechter, als Trompetenspieler und als Kirchendiener. Aber keine dieser Tätigkeiten brachte ihm genug Geld zum Leben ein.

Aussicht von Monte Alban
In den Weiten dieses Tals liegt irgendwo der kleine Ort Arrazola. Es gibt wohl einen Wanderweg, der dich in nur einer Stunde direkt von Monte Albán nach Arrazola führt.

In all den schweren Jahren begleitete ihn ein Hobby, das Schnitzen von Tierfiguren. In seinen jungen Jahren als Schafhirte sammelte er Holzstücke ein, die er auf dem Weg fand und fing an, daraus Figuren zu schnitzen. Zunächst, um sich Spielzeug zu basteln.
Auch nach seinem Hirtendasein schnitzte er weiter. Sein Hobby bereitete ihm oft Probleme, da er auch während der Arbeitszeit schnitzte. Nach vielen Jahren der erfolglosen Suche nach seiner Passion, seinem “Calling”, begriff er eines Tages, dass sein Schicksal das Schnitzen ist. Er begann, seine Gabe anzunehmen und die Freude, die seine Schnitzereien anderen geben können, schätzen zu lernen. Dennoch vergingen weitere Jahre, in denen er von Tür zu Tür ging und erfolglos versuchte, seine Kunst an den Mann zu bringen. Oft trank er tagelang nur Wasser aus den Quellen, da ihm das Geld zum Essen fehlte. Woran es ihm aber nicht fehlte, war ein Traum!

Zeitungsartikel über Manuel Jimenez im Museum in Arrazola
Ein Artikelausschnitt mit Bild von Manuel Jimenez im Museum “Casa de Manual Jimenez” im “Tallador de Sueños” in Arrazola.

Im Alter von etwa 30 Jahren erregte Manuels Kunst dann endlich Aufmerksamkeit und die Leute kauften seine Holzfiguren. Bis zu seinem Tod 2005 wurde er unzählige Male in die USA, nach China und nach Europa eingeladen, um seine Kunst zu präsentieren. Insbesondere an den Kunstuniversitäten in den USA ist sein Name wohl bekannt. Seine Geschichte wurde zudem in verschiedenen, englischsprachigen Büchern festgehalten. Was für eine Ehre für den einst Schafe hütenden, hungrigen Jungen aus einem kleinen Dorf in Mexiko, den jeder aufgrund seiner Leidenschaft fürs Schnitzen von Holztieren für verrückt hielt…

Wie werden Alebrijes hergestellt?

Wir haben bereits einige Alebrijes Hersteller und ihre Werkstätten in San Antonio Arrazola und San Martín Tilcajete kennenlernen dürfen. In der Regel öffnen dir die Künstler gern ihre Türen, zeigen dir ihre “taller” (Werkstatt) und beantworten all deine Fragen.

Alebrijes werden heute aus verschiedenen, regionalen Holzarten hergestellt wie Copal, Cedar oder Kiefer. Geschnitzt wird die Figur mit Machete und Küchenmesser, solange das Holz noch frisch und grün ist. Das kann je nach Größe und Detailgrad mehrere Tage dauern.

Arsenio Morales beim Schnitzen eines Alebrijes in Hasenform in seiner Familienwerkstatt in Arrazola
Arsenio Morales beim Schnitzen eines Alebrijes in Hasenform in seiner Familienwerkstatt in Arrazola. Innerhalb von nur zehn Minuten schlägt er mit einer Machete aus einem Baumstumpf eine grobe Hasenfigur!

Danach wird die Figur für mehrere Tage in der Sonne getrocknet. Während der Regenzeit dauert der Trocknungsprozess deutlich länger. Einige Kunsthandwerker verwenden in dieser Zeit handelsübliche Gasöfen, um den Prozess zu beschleunigen. Um sicher zu gehen, dass sich keine Insekten im Holz verstecken, wird jedes Stück einem Benzinbad unterzogen.

Antonia, die Frau von Armando Jimenez, beim Bemalen einer Maus im traditionellen Design
Antonia, die Frau von Armando Jimenez in der Familienwerkstatt beim Bemalen einer Maus im traditionellen Design mit Acrylfarben.

Im letzten Schritt wird die Skulptur per Hand bemalt. Das ist oft Aufgabe der Frauen, während die Männer die Figuren schnitzen. Jeder “Familien-taller” hat dabei seinen ganz eigenen Stil, der an die nächste Generation weitergegeben wird. Als traditionelles Design gelten einfachere Muster aus feinen Strichen, während modernere Designs oft sehr aufwendig und detailliert gestaltet werden.
Bemalt werden die meisten Alebrijes mit Acrylfarben. Einige Künstler/innen arbeiten auch mit traditionellen Naturfarben, die aus Pflanzen und Insekten gewonnen werden. Besonders beliebt ist zum Beispiel das kräftige “rojo de la chichinalla” (das aus Schildläusen hergestellte Rot), Gelb aus Limettensaft/-schalen und das “azul de añil” (aus den Blättern der Indigopflanze gewonnenes Blau).

Einige Alebrijes werden mit Naturfarben bemalt
Alejandro Jimenez, der Sohn von Antonia und Armando, nutzt auch heute noch die traditionellen Naturfarben zum Bemalen seiner Kunstwerke.

Woher kommt die Inspiration?

Alebrijes entspringen der reinen Fantasie und Vorstellungskraft der Künstler. Aber wie können ganze Dörfer in Oaxaca so kreativ sein?

Man sagt, dass die Erde Oaxacas besonders magisch ist. Obwohl (oder gerade weil?) Oaxaca neben Chiapas zu den ärmsten Staaten Mexikos gehört, ist die Erde hier sehr fruchtbar, die Natur sowie Kultur unglaublich vielseitig. Jedes Dorf lebt andere Traditionen und Fiestas.

Fragst du in Arrazola nach Begegnungen mit Feen, Geistern und Übersinnlichem, bekommst du eine gruselige Geschichte nach der nächsten zu hören. Mein absolutes Lieblingsthema, haha! Uns wurde auch schon oft erzählt, dass Nahule, die ihr Erscheinungsbild zwischen Mensch und Tier wechseln können, tatsächlich existieren. Spiritualität, Mystik und Überirdisches ist hier also Teil des alltäglichen Lebens.
Zudem wachsen in der Sierra rund um Oaxaca City Pilze, die halluzinierend wirken und nicht nur bei den Touristen sehr beliebt sind…

Graffiti einer alten Frau mit halluzinogenen Pilzen im Alebrijes Dorf Arrazola in Oaxaca
Graffiti in den Straßen Arrazolas.

Laut Aussage der Künstler, ist das Beobachten der Natur eine besonders wichtige Inspirationsquelle. Der Blick in die Wolken oder das Studieren verschiedenster Muster in Blüten, Früchten usw. kann die Fantasie auf ganz besondere Weise anregen. Auch die “Konversation” mit dem Holzstück vor dem Schnitzen, ist ein wichtiger Prozess bei der Formfindung. Nicht jedes Stück Holz ist aufgrund seiner Eigenarten für jede Figur geeignet. Der Schnitzer muss die Sprache des Holzes verstehen lernen.
Zudem spielen schon die Kinder in den Alebrijes Dörfern Oaxacas mit den bunten Holzfiguren, wodurch ihre Fantasie auf eine ganz besondere Weise von klein auf trainiert wird.

Warum du San Antonio Arrazola besuchen solltest.

In den meisten Reiseführern (selbst im Lonely Planet!) wird das gemütliche Dorf San Antonio Arrazola, nur ca. 14 Kilometer von Oaxaca City entfernt, gar nicht erwähnt. Touristen wird immer geraten, nach San Martín Tilcajete zu gehen, um mehr über die Alebrijes zu erfahren. So erging es auch uns. Wir dachten, die besten und einzigen Alebrijes kommen aus Tilcajete, bis es uns nach Arrazola verschlagen hat.

Streetart in Arrazola
Arrazolas Straßen sind voll von farbenfrohen Murals. Schon allein dafür lohnt sich der Ausflug!

Hier bekommst du einzigartige Qualität direkt vom Hersteller. Viele der erstklassigen Arbeiten von unbekannten Künstlern aus Arrazola werden für wesentlich mehr Geld in Tilcajete verkauft. Leider wird dir diese Information als Tourist aber vorenthalten.

Am besten du kommst auf eigene Faust mit einem Taxi oder öffentlichen Verkehrsmitteln nach Arrazola. Wenn du Alebrijes kaufen möchtest, dann rate ich von einer geführten Tour ab. Denn laut Aussage der Kunsthandwerker verlangen die Tourguides, die dich nach Arrazola bringen, 30 Prozent vom Verkaufswert. Das ist nicht wenig.

Aber nicht nur, wenn du Alebrijes kaufen möchtest, lohnt sich der Ausflug nach Arrazola. Denn seit März 2018 gibt es hier auch ein Museum zu Ehren von Manuel Jimenez, dem weiter oben erwähnten, bereits verstorbenen Begründer der Alebrijes aus Holz. Sein Sohn Isaias heißt dich in seinem “Tallador de Suenos” herzlichst willkommen und erzählt dir mit viel Leidenschaft die mitreißende Geschichte seines Vaters, der es vom armen, Schafe hütenden Jungen, der oft tagelang nichts zu essen hatte, zum international hoch angesehenen und vielfach ausgezeichneten Künstler schaffte.

Schau dir auch unbedingt die Galerie von Manuel Jimenez’ Familie an. Die aufwendigen, detaillierten, modernen Designs der Figuren sind wirklich beeindruckend. Manche Stücken steckt monatelange Arbeit.

Es lohnt sich aber, verschiedene “tallers” in dem kleinen Örtchen zu besuchen, denn jeder Künstler/jede Künstlerin hat seinen/ihren ganz eigenen Stil. Willst du direkt beim Produzenten kaufen, dann halte dich von den größeren Geschäften entlang der Hauptstraße besser fern. Denn selbst im kleinen Örtchen Arrazola gibt es Zwischenhändler, die das leider nicht ganz transparent darlegen.

Was mich an den Alebrijes besonders fasziniert, ist die Verbundenheit mit der Natur. Die sieht man nicht nur im Produktionsprozess, sondern vor allem auch in der Form der Holzfiguren sowie in ihren Bemalungen. Die Inspiration entspringt dem Beobachten der Natur mit ihren vielseitigen Tieren und Pflanzen.
Zudem ist jedes Stück ein Unikat und ein kleiner Einblick in die Seele des Künstlers. Ich sehe in den farbenfrohen Fantasiewesen aus Oaxaca auch eine Art Symbol. Ein Symbol, was daran erinnert, dass es sich lohnt, seinem Herzen zu folgen und an seine Träume zu glauben.

Con mucho amor,

Deine Katrin

 

Inspiriert dich die Geschichte hinter den Alebrijes genauso wie mich? Dann schau dir unbedingt dieses Kinderbuch an, was in Anlehnung an Manuel Jimenez Lebensweg entstanden ist:
“Dream Carver” von Diana Cohn*
(in Englisch und Spanisch erhältlich)

 

4 Comments

  • Nico
    Oktober 22, 2018 at 7:07 pm

    Danke für diesen tollen Bericht! Wenn ich das nächste Mal in Mexiko bin, achte ich mehr auf diese “Figuren”. Wir haben sogar ein Alebrije Zuhause. Wusste jedoch bis dato nicht, dass sie so heißen. Hab meiner Freundin den Blogeintrag hier gezeigt, weil unsere Figur sehr ähnlich vom Stil ist … :D! Ich habe dir bei Facebook ein Bild gezeigt, von diesem blauen Drachen, der, wenn man ihn berührt, mit dem Kopf + Hals hin und her wippt.

    Viele Grüße

    • Katrin
      Oktober 22, 2018 at 11:25 pm

      Ach du warst das bei Facebook 🙂 Vielen Dank für dein Kommentar! Bewegliche Alebrijes hab ich bisher noch nicht gesehen, aber vom Stil her geht das schon in die Richtung. Aber aus Oaxaca ist euer Drachen wahrscheinlich nicht 😉

      Liebe Grüße

  • Nico
    Oktober 23, 2018 at 5:08 am

    Hecho a mano en Pachuca 🙂

    Viele Grüße

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